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seitenueberschrift
Kategorie: Kulturelle Vereine ( A - Z ) (469-1)
Stichworte: Hohe-Horn-Kreis,
Quelle: keine Angabe
Ausgabe vom: 19.11.1999
Seite: 23

seitenueberschrift

Borofsky-Werk eine große Chance


Versuch einer Deutung der Skulptur im Hohe-Horn-Kreis / Zwei Metaphern für die Liebe Das geplante Offenburger Freiheitsdenkmal beschäftigte den Hohe-Horn-Kreis bei seinem jüngsten Treffen. Die Münchener Kunstmanagerin Judith Betzler deutete das »Male - Female« betitelte Werk des Amerikaners Jonathan Borofsky. Ein erster Versuch, wie sie sagte, dem viele weitere folgen werden. VON ANDREAS MÖRING
Offenburg.
Die Skulptur Jonathan Borofskys am Platz der Verfassungsfreunde ist eine Herausforderung. »Es ist eine Chance für den Platz«, sagte Judith Betzler und verleitete ihre Zuhörer aus dem Hohe-Horn-Kreis zu einem Blick in die Zukunft: Veranstaltungen und Caféhäuser könnten das heute noch leere Gelände beleben, regte die Kunstmanagerin an. Die Skulptur werde dazu ihren Beitrag leisten, ist sie sicher. Borofskys Werke beleben bereits andere Städte, manche wie der »Hammering Man« in Frankfurt sind auch Symbol für eine Stadt geworden. Der Künstler hat eine Leidenschaft für Skulpturen im Außenraum entwickelt. »Genau dort will ich Menschen mit Kunst konfrontieren, die sich nicht vorgenommen haben, ins Museum zu gehen«, zitierte Betzler den 1942 geborenen Maler, der sich erst spät, dann aber mit großem internationalem Erfolg der Bildhauerei verschrieben hat. Borofsky konfrontiert mit seinen Archetypen. Steht der »Hammering Man« schlicht für den arbeitenden Menschen, so sei der in Kassel und Straßburg zu sehende »Man Walking to the Sky« Ausdruck dessen, dass »wir alle in den Himmel streben«, sagte Judith Betzler. Nicht so einfach Borofskys Kunst kann auch auf Unverständnis stoßen. So war eine überdimensionale Figur, die halb Ballerina und halb Clown darstellt, mehrfach Ziel von Attacken. »Fürs Publikum ist sie nicht so einfach«, sagte Betzler über die in Aachen und Los Angeles zu sehende Skulptur, in der Borofsky widersprüchliche Gefühle vereint. Und Offenburg? »Male - Female« heißt die 22 Meter hohe Aluminium-Skulptur, die, so Betzel, in Offenburg den Arbeitstitel Freiheitsdenkmal trage. Die Figur zeigt je nach Standpunkt des Betrachters einen Mann oder eine Frau, beide vorwärts strebend. Für Judith Betzler dreht sich Borofskys Werk »um das Thema, das uns alle beschäftigt« - die Liebe. Beherzt griff Betzler auf den 2500 Jahre alten Dialog »Das Gastmahl« des griechischen Philosophen Plato zurück. In ihm erläutern Aristophanes und Sokrates ihre Definitionen von Liebe. Das mann-weibliche Geschlecht, stark und tapfer, ist laut Aristophanes das urprüngliche. Weil es sich anmaßt, in den Himmel zu steigen, teilt Göttervater Zeus es in zwei Hälften. Die Suche nach der anderen Hälfte nenne man die Liebe. Mann und Frau zusammen bilden eine Kugel, und die sei wie das Auseinanderstreben in der Skulptur zu sehen. Sokrates definiert die Liebe als Unvollständigkeit, Suche, verzehrende Armut und Begehren. Mut einer großen Frau Beide Metaphern von Liebe seien in der Skulptur »Male - Female« enthalten, erläuterte Judith Betzler. »Das ist aufregend für uns, dass sie alle Interpretationsmöglichkeiten zulässt«, sagte die Kunstexpertin. »Ich danke dem Mut einer großen Frau«, schloß Betzler und erinnerte an Aenne Burda, die Borofskys Figur stiftet. Und wenn sich herausstellt, dass der Platz der Verfassungsfreunde der Herausforderung Borofsky nicht gerecht wird? Diese Frage beantwortete ein glänzend aufgelegter Hubert Burda: Wie Maibäume, scherzte der Offenburger Verleger, könnten auch Skulpturen nachts entwendet und an anderem Ort aufgestellt werden. Am Medienpark zum Beispiel.